Denken Sie auch ab und zu mal: „Dafür bin ich zu alt!“
Und zwar dann, wenn Ihnen Texte nicht so sehr gefallen, die Ihnen in anderer Sprache oder Übersetzungen ans Herz gewachsen sind.
Vielleicht denkt ihr Jüngeren stattdessen: „Boah, ey, immer diese alten Sprüche!“
Und meint damit, dass man manche Texte einfach mal anders formulieren sollte, damit man sie besser versteht.

Mit geht es mit dem Weihnachtsevangelium im zweiten Kapitel von Lukas so.
Ist das nicht eine herrliche Sprache, wie Luther hier übersetzt hat:
„1) Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet würde. … 7) Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. …“
Ach, ist das nicht romantisch?!
Da erinnere ich mich, wenn ich diesen Text höre, an früher: an die Kerzen in der weihnachtlich geschmückten, aber kalten Kirche in Oberhessen; an den Chor, der die Weihnachtsgeschichte sang, geleitet von dem ehrwürdigen, aus Hamm stammenden Pfarrer Brinken…

Wie anders klingt da doch die „Einheitsübersetzung“ der gleichen Stelle:
„1) Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen. … 7) Und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“
Das hört sich viel nüchterner an, als sei die Ausgangssituation eine politisch rein formale Aufforderung an alle. Dabei braucht der Kaiser Geld, also will er wissen, wie viele Untertanen in seinem Reich leben. Und deutlich wird auch, dass die beiden werdenden Eltern nirgendwo von jemandem eingelassen wurden; sie mussten im Stall ihr Kind zur Welt bringen.
Das war halt so – nix Kerzen!

Und so steht es in der „Bibel in gerechter Sprache“:
„1) In jenen Tagen aber erließ Kaiser Augustus den Befehl, dass sich der ganze Weltkreis registrieren lassen sollte. … 7) Und sie gebar ihren ersten Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe. Denn sie hatten keine Unterkunft.“
Da erhält man schon eine Ahnung, wie mächtig dieser Kaiser Augustus gewesen sein musste, dass er den ganzen Weltkreis registrieren lassen wollte.
Tja, und das junge Paar – schade, keine Unterkunft. Wie heißt es heute so schön: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben…
Das kennt man ja, wenn man spontan zu später Stunde noch ein Hotelzimmer sucht. Das kann man nachempfinden – da muss man zufrieden sein mit dem, was man kriegt…

In der „Volxbibel“ wird so formuliert:
„1) In dieser Zeit verordnete der römische Kaiser, dass sich alle Leute, die in den römisch besetzten Gebieten lebten, mal bei ´ner staatlichen Stelle melden sollten. … 7) Weil sie keinen anständigen Schlafplatz mehr gefunden hatten (die Hotels waren alle voll), musste die Geburt in einem Stall stattfinden.“
Da wird die Reise von Maria und Josef natürlich ziemlich schnoddrig quasi mit einem Ausflug am Wochenende verglichen: Ey Leute, also wenn ihr mal Zeit habt, dann meldet euch doch mal bei ´ner staatlichen Stelle…
Und auch hier haben sie Pech, dass schon alle Hotels voll waren.
Aus heutiger Sicht wird es bestimmt für viele besonders nachvollziehbar, in welcher Situation die beiden waren.

Wie ist es Ihnen und Euch beim Lesen der Texte gegangen?
Wahrscheinlich hat jeder eine Vorliebe für den einen oder anderen Text.
Alle beschreiben dieses Erlebnis mit einem anderen Schwerpunkt, bei allen spürt man, dass es ungewöhnlich zugeht bei der Geburt des Kindes, das der Heiland der Welt werden sollte.
Aber ist es nicht egal, wie diese Geschichte erzählt wird?
Denn bei allen Texten kann man das Geschehen emotional mitfühlen, jede Übersetzung wird auf ihre Weise die Leser erreichen, für die man die entsprechende Sprache gewählt hat.
Und das ist ja das Wichtigste: die Botschaft der Christgeburt soll das Herz erreichen, soll jeden ansprechen! Alt und Jung! Ist sie doch eine frohmachende Botschaft!

Wobei – mir gefällt der Luthertext am besten!
Vielleicht bin ich ja für die anderen zu alt…

Ich wünsche Ihnen und Euch ein gesegnetes, frohes und musikalisches Weihnachtsfest!

Alfred Stroh